Das Flüstern des Nebels

Online seit Do 26 September 2024 in KI-Geschichten

Das Flüstern des Nebels

Der Nebel kam immer bei Einbruch der Dämmerung. Lautlos kroch er durch das Tal, wie ein weißes Gespenst, das alles verschlang, was sich ihm in den Weg stellte. Für die Dorfbewohner von Elysia war der Nebel nichts Neues. Er kam seit Generationen, doch in letzter Zeit war er anders. Dichter. Lebendiger. Und er flüsterte.

Niemand sprach laut darüber, doch jeder wusste es. Es war nicht der Nebel, der beunruhigte – es waren die Stimmen darin. Flüsternde, leise Stimmen, die mit jedem Abend lauter zu werden schienen. Manche sagten, es seien die Geister der Vorfahren, andere behaupteten, es seien Dämonen aus den Tiefen der Erde.

Aris, ein junger Jäger, der den Großteil seiner Tage in den umliegenden Wäldern verbrachte, glaubte lange nicht an die Geschichten. Der Nebel war für ihn nichts weiter als ein Naturphänomen – Feuchtigkeit, die von den Bergen herabsank. Doch in den letzten Wochen, als er spät in der Nacht von seinen Streifzügen heimkehrte, hatte auch er das Flüstern gehört.

„Aris...“

Es war immer nur sein Name, der wie ein Echo in der kalten, dichten Luft verhallte. Und es kam näher.

An diesem Abend, als der Nebel wie gewohnt durch die schmalen Straßen kroch, entschied sich Aris, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Er nahm seinen Bogen, eine Fackel und ein paar Vorräte und machte sich auf den Weg in die Berge. Das Dorf verschwand rasch im dichten Schleier, und bald umgab ihn nur noch die feuchte Stille des Nebels.

Je tiefer er in den Nebel vordrang, desto lauter wurde das Flüstern. Es klang, als käme es von allen Seiten zugleich, unheimlich und doch vertraut.

„Aris... komm zu uns...“

Er hielt inne, sein Herz schlug schneller. „Wer ist da?“ rief er in die Nebelwand, doch nur das Echo seiner Stimme kam zurück.

Dann tauchte eine Gestalt auf. Schemenhaft, kaum zu erkennen im dichten Nebel, stand sie nur wenige Meter vor ihm. Aris hob die Fackel und leuchtete in die Richtung der Erscheinung. Es war ein Mann, groß und hager, mit blasser Haut und Augen, die im schwachen Licht glitzerten.

„Du bist gekommen“, sagte der Mann leise, und seine Stimme war das gleiche Flüstern, das Aris seit Tagen verfolgt hatte.

„Wer bist du?“ fragte Aris, seine Hand fest um den Bogen gelegt.

Der Mann trat näher, und als er das Gesicht des Fremden erkannte, stockte ihm der Atem. Es war sein Vater. Doch das war unmöglich. Sein Vater war vor vielen Jahren gestorben, verschollen im Nebel, wie so viele andere.

„Vater?“ flüsterte Aris, sein Herz schlug heftig. „Das kann nicht sein...“

„Ich bin hier, Aris“, sagte der Mann und legte ihm eine kalte Hand auf die Schulter. „Wir sind hier. Wir alle. Der Nebel hat uns geholt.“

Aris stolperte zurück, seine Gedanken wirbelten durcheinander. Der Nebel... er hatte all jene verschlungen, die jemals versucht hatten, ihn zu ergründen. Und nun stand sein Vater vor ihm, wie aus einem Alptraum zurückgekehrt.

„Du musst mit uns kommen“, sagte sein Vater und seine Stimme wurde dringlicher. „Der Nebel ist lebendig. Er ruft uns. Wenn du nicht kommst, wirst du verloren sein.“

Aris spürte, wie der Nebel dichter wurde, als ob er sich um ihn schlang, ihn zu erdrücken versuchte. Das Flüstern wurde lauter, hunderte von Stimmen, die nach ihm riefen. Er konnte sie nicht ignorieren. Doch etwas in ihm widerstand. Das war nicht sein Vater. Das konnte nicht sein.

„Nein“, stieß er hervor, seine Stimme zitterte, aber er trat einen Schritt zurück. „Ich werde nicht kommen.“

Die Gestalt seines Vaters erstarrte, und für einen Moment war die Luft still. Dann verwandelte sich das Gesicht des Mannes. Seine Augen verdunkelten sich, und das freundliche Lächeln wich einem kalten, grimmigen Ausdruck.

„Du kannst nicht entkommen“, sagte der Mann, und seine Stimme klang nun rauer, tiefer. „Der Nebel holt jeden.“

Aris rannte. Ohne nachzudenken, stürzte er den steilen Pfad hinunter, zurück zum Dorf, während das Flüstern ihn verfolgte. Es klang nun wütend, als ob der Nebel ihn packen und verschlingen wollte. Doch er ließ sich nicht aufhalten.

Er rannte, bis die ersten Lichter des Dorfes durch den dichten Schleier schimmerten, und das Flüstern verstummte.

Aris fiel auf die Knie, keuchend und zitternd. Der Nebel um ihn herum lichtete sich allmählich, aber er wusste, dass dies nicht das Ende war. Der Nebel würde zurückkehren, wie er es immer tat. Und die Stimmen – die Stimmen würden nie aufhören, zu flüstern.


Anmerkungen und Überlegungen zur Kurzgeschichte

Diese Kurzgeschichte ist in einem klassischen Fantasy-Stil gehalten, der an düstere Geschichten erinnert, wie man sie etwa bei H.P. Lovecraft oder Algernon Blackwood findet. Die Atmosphäre des Nebels und der unheimlichen Stimmen baut auf dem Element des Unbekannten auf, das den Leser in ständiger Ungewissheit lässt. Die Geschichte spielt bewusst mit der Unsicherheit darüber, ob die übernatürlichen Ereignisse real oder nur Einbildungen des Protagonisten sind. Das offene Ende soll die mysteriöse Stimmung verstärken und Raum für Interpretation lassen, indem die Bedrohung niemals wirklich aufgelöst wird.