Der Fluch der goldenen Stadt

Online seit Mo 30 September 2024 in KI-Geschichten

Der Fluch der goldenen Stadt

Es war keine Legende. Tief im Herzen des Velasa-Dschungels lag sie wirklich: die goldene Stadt von Solhavar. Jamil hatte es mit eigenen Augen gesehen, als er den letzten Hügel überwunden hatte. Die Sonne war gerade untergegangen, doch das verblassende Licht reichte aus, um die goldenen Mauern in einem warmen Glanz erstrahlen zu lassen. In den Texten seiner Ahnen war Solhavar als Stadt des Überflusses beschrieben worden, wo alles aus reinem Gold bestand. Doch niemand hatte je erzählt, warum sie verlassen war.

„Geh nicht hin“, hatte seine Mutter geflüstert, als er sich auf die Reise gemacht hatte. „Solhavar fordert einen Preis.“

Jamil konnte diese Warnungen nicht ernst nehmen. Sein ganzes Leben war von Armut und Mühsal geprägt gewesen. Wenn es irgendwo Reichtum in Fülle gab, musste er es mit eigenen Augen sehen. Und jetzt war er hier, an der Schwelle zu einem Paradies, das seine kühnsten Träume übertraf. Die Stadt war intakt, wie in einem Märchen, als hätte sie die Zeit nie berührt.

Er durchschritt das große Tor, dessen Scharniere aus massivem Gold gefertigt waren. Es war ruhig, unheimlich still. Keine Vögel, keine Tiere, keine Anzeichen von Leben. Jamil dachte zuerst, dass die Stadt von den Wurzeln des Dschungels überwachsen sein müsste, aber nichts dergleichen war geschehen. Alles war perfekt erhalten, bis hin zu den glänzenden Straßen und den prächtigen Palästen, die sich vor ihm erhoben.

Doch etwas stimmte nicht. Ein Gefühl, das sich tief in seiner Brust festsetzte, wurde stärker mit jedem Schritt, den er tiefer in die Stadt wagte. Ein Ziehen, ein Druck, der ihn warnte. Trotzdem ging er weiter, getrieben von der Gier, von der Aussicht auf unermesslichen Reichtum.

Im Zentrum von Solhavar fand er einen riesigen Platz, und in der Mitte erhob sich eine gewaltige Statue – eine goldene Frau, die ihre Hände zum Himmel erhob, als würde sie die Sterne rufen. Jamil trat näher. Ihre Augen schienen zu funkeln, fast so, als würden sie ihn beobachten.

„Warum ist es hier so still?“ flüsterte er, ohne eine Antwort zu erwarten.

Doch er bekam eine. Ein Flüstern, so leise, dass er es fast nicht hören konnte. „Du hast uns gefunden.“

Jamil zuckte zusammen und drehte sich um. Niemand war da, nur der leere Platz und die goldene Statue. Sein Herz schlug schneller. „Wer... wer spricht da?“

„Du bist der Erste seit Jahrhunderten.“

Die Stimme kam von überall und nirgendwo zugleich. Sie war kein Echo, sondern ein Klagelied, das durch die Luft zu schweben schien. Jamil trat zurück, die Angst kroch ihm über den Rücken.

„Was ist das hier?“

„Solhavar,“ antwortete die Stimme sanft. „Eine Stadt der Gier, des Überflusses. Jeder, der nach Gold verlangte, fand seinen Weg hierher.“

„Wo seid ihr?“ rief Jamil, während sein Blick nervös über die Gebäude wanderte. „Was ist passiert?“

„Wir sind das Gold,“ flüsterte die Stimme. „Die Stadt ist uns. Sie ist unser Körper, unsere Seele.“

Er verstand es nicht sofort. Doch als er wieder zur Statue sah, bemerkte er, dass sich ihre Augen auf ihn gerichtet hatten. Sie funkelten jetzt, nicht nur wegen des reflektierenden Goldes, sondern mit einer Lebendigkeit, die nicht von dieser Welt war. Sie lebte. Oder... was auch immer in ihr steckte, es war lebendig.

„Es war der Fluch,“ sagte die Stimme nun lauter, „der Fluch der Gier. Jeder, der hierherkam und verlangte, was ihm nicht gehörte, wurde Teil von Solhavar.“

Jamil spürte, wie sich seine Beine versteiften. Panik übermannte ihn. Er wollte rennen, doch er konnte nicht. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Langsam, quälend langsam, spürte er, wie seine Haut kühler wurde, wie seine Beine, seine Arme schwerer wurden.

„Nein... nein!“ schrie er, als er versuchte, seine Beine zu bewegen, doch es war zu spät.

Sein Körper begann sich zu verhärten, zu erstarren. Gold kroch wie eine Krankheit über seine Haut, seine Adern füllten sich mit kaltem, metallischem Glanz. Der Fluch der Stadt, der Fluch derer, die mehr wollten, als ihnen zusteht, erfasste auch ihn. Mit einem letzten, verzweifelten Atemzug war er Teil der goldenen Stadt.

Still. Perfekt. Für immer.


Anmerkungen und Überlegungen zur Kurzgeschichte

Diese Fantasy-Geschichte greift das Thema Gier und deren Konsequenzen auf. Der Protagonist, Jamil, symbolisiert den menschlichen Drang nach materiellem Reichtum, während die Stadt Solhavar als Verkörperung des Fluches dient, der auf denjenigen liegt, die nach mehr streben, als ihnen zusteht. Der Stil der Erzählung ist bewusst schlicht und atmosphärisch gehalten, um die langsame, bedrohliche Entwicklung der Handlung und das unheimliche Gefühl der Stadt zu verstärken. Die Geschichte beruht auf dem klassischen Motiv des verfluchten Schatzes, jedoch mit der Wendung, dass die Stadt selbst der Fluch ist.