Das flackernde Auge

Online seit Mi 02 Oktober 2024 in KI-Geschichten

Das flackernde Auge

Blink.

Ein einziger Lichtpunkt. Dann Dunkelheit.

Blink.

Das Auge wacht, das Auge sieht alles. Die Stadt atmet unter seinem Licht, doch heute flackert es, schwächer als sonst. Ein Rauschen in den Netzwerken, ein Summen in den Kabeln. Der Rhythmus der Stadt gerät ins Stolpern. Vertrauen. Es ist das Wort, das die Menschen hier gelernt haben. Vertrauen in das Auge. Vertrauen in den Schutz.

Aber... Blink. Das Licht ist nicht beständig.

Kiro sitzt in der Ecke seines engen Zimmers. Sein Rücken drückt gegen die grauen Wände, die so glatt sind, dass sie wie aus einem Guss wirken. Über seinem Bett hängt ein winziger Bildschirm, fest eingebettet in die Wand, flach wie eine Erinnerung, die man nicht greifen kann. Darauf: das Auge. Es sieht alles. Immer.

Doch heute sieht es nicht. Blink. Ein Wimpernschlag. Ein Moment der Blindheit.

„Was passiert da?“ flüstert Kiro, obwohl er weiß, dass ihn niemand hören wird. Seit Wochen beobachtet er es, das Flackern. Zuerst nur selten, dann öfter. Er hat gelernt, im Rhythmus des Lichts zu leben. Blink, er hält die Luft an. Schweigen. Wieder flackert das Auge. Ein Fehler im System, ein kleiner Riss in der perfekten Ordnung der Stadt.

Er erinnert sich an die Worte seines Vaters, flüsternd, als er dachte, Kiro schlafe. „Das Auge ist nicht unfehlbar. Eines Tages wird es fallen.“ Damals hat Kiro es nicht verstanden. Das Auge? Fallen? Wie ein Stein?

Jetzt spürt er es. Der Rhythmus ist gestört. Blink.

Draußen in den Straßen ziehen die Menschen wie Marionetten vorbei, jeder Schritt im Takt. Jeder Atemzug kontrolliert. Nichts entgeht dem Auge, das wissen sie. Sie dürfen es nicht vergessen. Niemand kann es wagen. Doch Kiro fühlt etwas, das die anderen nicht zu bemerken scheinen: die Schwäche. Das Zittern. Die Störung.

Blink.

Er zieht die Kapuze über seinen Kopf und rutscht auf seinem Bett herum. Sein Blick wandert zum Fenster. Draußen regnet es nicht, aber die Straßen glänzen wie frisch gewaschen. Kein Geräusch, kein Wind. Nur die Bewegungen der Körper, stumm, anonym.

Er muss es wagen. Jetzt. Während das Auge nicht sieht.

Er steht auf. Seine Bewegungen sind hastig, aber gezielt. Er öffnet die Tür, blickt die leeren Flure entlang. Niemand. Blink. Das Auge flackert. Kiro läuft. Seine Füße berühren kaum den Boden, so schnell geht er. Die Schatten der riesigen Überwachungsmasten werfen lange Linien auf den Beton. Er duckt sich unter ihnen hindurch, unsichtbar im Moment der Störung.

„Es gibt einen Ort“, sagte sein Vater einst. „Einen Ort, den das Auge nicht sieht. Einen blinden Fleck.“

Kiro glaubt nicht an blinde Flecken. Aber heute? Heute glaubt er an das Flackern.

Die Stadt ist ein Netz aus glänzenden Gassen und stummen Gesichtern. Überall Kameras, Scanner, Sonden, die den Körper durchleuchten, den Geist erfassen. Aber das System... Blink. Es zuckt. Es ist müde.

Kiro erreicht den Rand der Stadt. Vor ihm erstreckt sich der Zaun – eine Mauer aus schimmerndem Glas, zu hoch, um sie zu überwinden, zu stark, um sie zu durchbrechen. Das Ende.

Doch dort, an der Basis der Mauer, ein Riss. Klein, fast unsichtbar. Er beugt sich hinunter, legt die Hand darauf. Blink. Das Licht verschwindet für den Bruchteil einer Sekunde. Und in dieser Sekunde... spürt er Freiheit.

„Du kannst nicht entkommen“, flüstert eine Stimme in seinem Kopf. Eine Stimme, die er als das System kennt, als das Auge selbst. Doch diesmal... Blink.

Er drückt sich durch den Riss, spürt die kalte Luft der Freiheit auf seiner Haut, den Geruch von echtem Regen, der ihn zum ersten Mal trifft. Er dreht sich um. Das Auge ist dunkel.

Blink.


Anmerkungen und Überlegungen zur Kurzgeschichte

„Das flackernde Auge“ ist eine dystopische Geschichte, die sich mit der allgegenwärtigen Überwachung und den kleinen Momenten der Freiheit auseinandersetzt, die in einem perfekt kontrollierten System möglich sind. Der Stil ist fragmentiert, fast wie ein Gedankensprung, um die Unsicherheit und die ständige Bedrohung durch das flackernde Auge zu spiegeln. Das wiederkehrende „Blink“ symbolisiert die Störung im System und den Moment, in dem die Kontrolle versagt. Der offene Ausgang lässt den Leser spekulieren, ob Kiro wirklich entkommen ist oder ob das Auge ihn doch noch sieht.