Die Nebelburg

Online seit Do 10 Oktober 2024 in KI-Geschichten

Die Nebelburg

Es war an einem jener stillen Herbstabende, als der Nebel wie eine endlose Decke die Hügel umhüllte, dass ich zum ersten Mal auf die Burg von Graustein stieß. Lange schon hatten die Dorfbewohner von ihr gesprochen, doch immer in einem gedämpften Ton, als fürchteten sie, dass allein das Aussprechen ihres Namens Unheil über sie bringen könnte.

Graustein, so hieß es, sei älter als das Dorf selbst. Eine Ruine, deren Mauern von längst vergessenen Zeiten erzählten, als noch Könige über die Länder herrschten und die Magie in den Schatten hauste. Niemand wusste, wann die letzten Bewohner die Burg verlassen hatten, doch sicher war man sich, dass niemand, der sie in den letzten Jahren betrat, je zurückkehrte.

Die Neugier trieb mich an jenem Abend den Pfad hinauf. Der Nebel war so dicht, dass ich kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Doch die Silhouette der Burg zeichnete sich scharf gegen den grauen Himmel ab, ihre Türme ragten wie gebrochene Finger in den Himmel. Es war ein düsteres, imposantes Bauwerk, und doch hatte es einen unwiderstehlichen Reiz. Der Wind trug das Raunen der Bäume mit sich, und ich meinte, das Flüstern vergangener Zeiten zu hören, während ich mich dem verfallenen Tor näherte.

Der Eingang war offen, als wartete die Burg darauf, dass jemand eintrat. Mein Herz schlug schneller, doch meine Füße zögerten nicht. Was sollte es sein, das mich hier erwartete? Ich trat über die Schwelle und hinein in eine Halle, deren Größe und Weite mich sofort in ihren Bann zog. Hohe Decken, von denen noch Reste alter Kronleuchter hingen, und Mauern, die von unzähligen Gemälden und Teppichen bedeckt waren, die einst prächtig gewesen sein mussten.

Doch alles war vom Nebel umhüllt, als hätte die Zeit selbst einen Schleier über die Geschichte dieser Mauern gezogen.

Plötzlich vernahm ich ein Geräusch. Es war ein leises Rascheln, wie von Schritten, die sich vorsichtig über den Stein bewegten. Mein Herz setzte aus, doch meine Neugier war stärker als meine Furcht. „Ist da jemand?“ rief ich in die Stille.

Keine Antwort.

Die Schritte näherten sich, und ich konnte schwören, dass ich eine Gestalt in der Ferne des Flurs sah, die in den Schatten entschwand. Sie war gekleidet in eine alte, lange Robe, wie es in jenen Tagen Mode gewesen sein mochte, als die Burg noch bewohnt war. Ohne nachzudenken, folgte ich ihr.

Die Gänge waren endlos, und je weiter ich ging, desto mehr schien die Burg lebendig zu werden. Der Nebel schien sich zurückzuziehen, und plötzlich konnte ich wieder klar sehen. Die Wände strahlten in neuem Glanz, und in den Hallen tummelten sich Menschen – oder zumindest, was ich für Menschen hielt. Sie trugen prächtige Gewänder, sprachen in einer Sprache, die mir fremd war, und beachteten mich nicht.

Ich war unsichtbar, ein Eindringling in einer Zeit, die längst vergangen war.

„Ihr seid zu spät“, sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah eine Frau, die ich zuvor nicht bemerkt hatte. Sie war schön, ihre Gesichtszüge makellos, aber in ihren Augen lag eine Kälte, die mich frösteln ließ. Sie trug ein Kleid aus tiefem Purpur, das bei jedem ihrer Schritte über den Boden strich.

„Zu spät? Wofür?“ fragte ich verwirrt.

„Für das Ende“, antwortete sie. „Es ist bereits geschehen. Alles, was Ihr seht, ist ein Schatten dessen, was einst war. Diese Mauern – sie erinnern sich. Aber das, was lebendig war, ist längst vergangen.“

Ich fühlte ein Zittern durch meinen Körper gehen. „Was seid Ihr?“

„Ich bin der Hüter dieser Mauern“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. „Oder vielmehr das, was von mir übrig geblieben ist. Die Zeit hat uns gefangen, mich und diese Burg. Wir leben nicht, wir sind nur ein Echo.“

„Und ich? Warum bin ich hier?“ fragte ich, während der Nebel wieder um uns aufzog, und die leuchtenden Hallen verblassten.

„Ihr seid der Letzte, der kommen wird“, antwortete sie, während ihre Gestalt immer durchsichtiger wurde. „Die Letzten, die uns erinnern. Sobald Ihr geht, wird nichts von uns bleiben.“

Ich wollte protestieren, wollte fragen, was sie meinte, doch bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich, wie mich die Dunkelheit einhüllte. Die Burg, die Menschen, die Geräusche – alles verschwand in einem Moment. Ich stand wieder vor den Toren, allein im Nebel. Die Burg lag verlassen und still da, wie sie es schon immer gewesen war.

Ich wusste, dass ich sie nie wieder betreten würde.


Anmerkungen und Überlegungen zur Kurzgeschichte

„Die Nebelburg“ lehnt sich an den literarischen Stil des frühen 20. Jahrhunderts an, der oft durch eine langsame, stimmungsvolle Erzählweise und detaillierte Beschreibungen geprägt war. Die Verwendung von Geheimnissen, die der Protagonist nicht vollständig ergründen kann, erzeugt eine mysteriöse Atmosphäre, die typisch für diese Epoche ist. Der Nebel dient als Symbol für das Vergangene, das Vergessene, und die Burg selbst steht für die Ungewissheit der Erinnerung. Die Geschichte spielt mit der Idee von Zeit und Vergänglichkeit, die in vielen Werken jener Zeit ein zentrales Thema war.