Der Spiegel im Regen
Online seit Mi 27 November 2024 in KI-Geschichten
Der Spiegel im Regen
Die Tropfen rannen wie Tränen über die Glasscheibe des Cafés, in dem Levi allein saß. Sein schwarzes Haar fiel ihm in die Augen, die mit dickem Kajal umrandet waren. Vor ihm stand eine halb geleerte Tasse Kaffee, der längst kalt geworden war. Er starrte hinaus in die graue Novemberlandschaft, die so farblos wirkte wie sein Inneres.
Levi liebte diese Kulisse. Sie war wie eine Leinwand, auf der seine Einsamkeit kunstvoll zur Schau gestellt wurde. Der Regen, die Dunkelheit – sie verstärkten das Bild, das er von sich selbst gemalt hatte. Ein verlorener Poet, ein Denker, missverstanden von einer Welt, die zu laut, zu grell war.
„Niemand versteht mich“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu den wenigen Menschen im Raum. Doch in seinem Inneren wusste er, dass er diese Rolle genoss. Seine Schwermut war sein Mantel, sein Schutz vor der Monotonie des Alltags, vor der Durchschnittlichkeit, die ihn umgab.
Der Kellner, ein Mann mittleren Alters mit einem müden Gesichtsausdruck, kam heran. „Noch ’n Kaffee?“ fragte er trocken.
Levi hob eine Augenbraue, als wäre die Frage eine Zumutung. „Nein“, sagte er gedehnt und ließ den Kellner ohne ein weiteres Wort stehen. Ein Teil von ihm genoss diese kleinen Konflikte. Sie gaben ihm das Gefühl, anders zu sein.
Er griff nach seinem Notizbuch, dessen schwarzes Ledercover mit silbernen Schnörkeln verziert war. Dort schrieb er seine Gedanken nieder – Poesie, Tagebucheinträge, Fragmente von Liedtexten. Worte waren seine Waffe, sein Fluchtweg und sein Spiegel.
Mit schwungvollen Bewegungen begann er zu schreiben:
„Das Echo meiner Einsamkeit hallt im Regen wider. Ich bin ein Schatten unter Schatten, ein Tropfen im Ozean der Leere. Und doch – bin ich nicht auch der Sturm? Bin ich nicht das Licht, das sich weigert, zu sterben?“
Levi hielt inne und starrte auf das, was er geschrieben hatte. Es war schön, dachte er. Tief und doch unverständlich, genau wie er selbst.
Doch plötzlich fiel sein Blick auf die spiegelnde Scheibe vor ihm. Sein Gesicht, blass und melancholisch, sah ihm entgegen. Er beobachtete sich selbst, wie er den Stift in der Hand hielt, den Kopf leicht geneigt, die Haare kunstvoll unordentlich. Und dann traf ihn eine unerwartete Erkenntnis: Genoss er dieses Bild? Mochte er, was er sah?
Ein seltsames Gefühl durchzog ihn, eine Mischung aus Scham und Stolz. Er liebte diesen melancholischen Charakter, den er sich selbst erschaffen hatte. Er war sein eigenes Kunstwerk. Aber war es echt? War er wirklich der, der er zu sein glaubte, oder spielte er nur eine Rolle?
Ein lauter Donner riss ihn aus seinen Gedanken. Der Regen prasselte heftiger gegen die Fensterscheibe, und das Café begann, sich zu leeren. Levi schloss sein Notizbuch mit einem energischen Schlag und zog die Kapuze seines Mantels über.
Als er hinaus in den Regen trat, wurde er sofort durchnässt. Aber Levi spürte eine seltsame Leichtigkeit. Er drehte sich einmal im Kreis, ließ das Wasser über sein Gesicht laufen und lachte – leise, fast unmerklich. Vielleicht war das Leben, selbst in seiner Dunkelheit, ein bisschen schöner, als er es sich erlaubte zuzugeben.
Mit einer neuen Zeile im Kopf ging er die nassen Straßen entlang:
„Die Schatten lieben mich, aber vielleicht liebt mich auch das Licht.“
Anmerkungen und Überlegungen zur Kurzgeschichte
„Der Spiegel im Regen“ untersucht die Selbstwahrnehmung und das innere Drama eines jungen Menschen, der zwischen Melancholie und Narzissmus balanciert. Die Geschichte spielt mit der Idee, dass Trauer und Selbstverliebtheit oft Hand in Hand gehen können. Der Protagonist Levi ist gleichzeitig eine Karikatur und eine ernsthafte Figur – ein Spiegel für die Leser, die ähnliche Momente der Reflexion und des Zweifels erlebt haben.